Harte Zeiten, harte Drinks

Hilde killt – eine Kneipenwirtin räumt im Frankfurter Bahnhofsviertel auf (2)

“Tolle Frisur.“ Neidisch betrachtete Hilde den Haarturm auf Mandys Kopf. Sie sah umwerfend schick aus. Gut, Mandy war um die 30 Jahre jünger als sie, das machte viel aus. Aber mehr noch, die Frisur brachte ihre ovale Gesichtsform zur Geltung, wirkte natürlich und gleichzeitig raffiniert. Die kleinen Löckchen, die ihr über die Stirn fielen, waren sexy – genau der Hingucker, den sie für ihren Job brauchte. „Tonis Werk?“

„Er hat sich mal wieder selbst übertroffen.“ Mandy saugte ihren Mojito durch einen ökologisch korrekten Bambusstrohhalm. „Seit er in diesen Ricardo verliebt ist, ist er nicht zu stoppen. Neue Kreationen, neue Pflegeprodukte, alles top.“ Mandy nickte zufrieden.

„Ich muss auch mal wieder hin.“ Hilde fuhr mit der Hand durch ihre struppigen Locken, die seit den Lockdowns unkontrolliert wucherten. Von Frisur konnte keine Rede mehr sein.

„Dann beeil dich. Er fliegt mit Ricardo nach Ibiza.“

„Diesem neuer Lover? Dem Kubaner?“ Hilde wuchtete einen Karton mit Flaschen auf den Tresen und räumte sie ins Regal.

„Sie haben eine Yacht gemietet.“ Mandy guckte verträumt. „Ein Bekannter von Ricardo überlässt sie ihnen für einen Spottpreis. So einen Typen müsste ich auch mal finden.“

Hilde sagte nichts. Mandy hatte mehrere Lover pro Abend, wenn das Geschäft gut lief. Unwahrscheinlich, dass einer von ihnen sie zu einem Urlaub auf einer Yacht einlud.

Dann fielen die Stammgäste in die „Wilde Hilde“ ein.

Mandy rutschte von ihrem Stuhl und winkte der Wirtin zu. „Ich muss. Drei-Finger-Joe kontrolliert wann ich anfange.“

Hilde nickte ihr zu und begann zu zapfen. Die Bestellungen prasselten auf sie ein, dabei hatte der Abend gerade erst begonnen. Ein ganz normaler Samstag im Frankfurter Bahnhofsviertel nahm seinen Lauf.

***

Hilde starrte entsetzt in den Spiegel. Was bei Mandy cool ausgesehen hatte, war bei ihr zu einer Katastrophe geraten. Die Löckchen, die ihr in die Stirn fielen, waren ungleich lang und zippelig. Der Haarturm wirkte wie festbetoniert, der Haarlack glänzte auffällig. Sie sah aus wie eine Karikatur. Wäre sie doch schnell noch zu Toni gegangen, bevor der mit seinem Schnulli in den Urlaub entschwand. Aber sie hatte zu viel Arbeit gehabt. Sein Vertreter Kai-Herbert, ein abgelegter Liebhaber Tonis, war kein geschickter Friseur. Vielleicht war er nur eingesprungen, um seinen Verflossenen zurückzuerobern. Hatte sich irgendeinen komplizierten Plan zurechtgelegt, bei dem die Urlaubsvertretung der erste Schritt war.

Entschlossen rupfte Hilde die Haarklammern raus, griff zum Kamm und versuchte, den Haarturm aufzulösen. Das Haarspray verklebte alles. Sie wusch ihre Haare erneut und brauchte eine Stunde, um wieder halbwegs ansehnlich auszusehen. Dafür hatte sie nun 50 Euro bezahlt und obendrein aus reiner Gewohnheit Trinkgeld gegeben.

Auf den letzten Drücker erreichte sie ihre Kneipe. Sobald sie die „Wilde Hilde“ aufgeschlossen hatte, kam Mandy herein und kletterte auf ihren gewohnten Barhocker.

Hildes Blick blieb an der Frisur der Frau hängen und saugte sich fest. Was in der vergangenen Woche ein sexy Dutt mit Strähnchen gewesen war, erstrahlte nun als neongelbes Monstrum mit grünen Akzenten. „Bist du in einen Farbeimer gefallen?“

„Ein Färbeunfall.“ Mandy schniefte. „Kai-Herbert hat’s versaut.“

Jetzt fielen Hilde ihre verheulten Augen auf.

„Wie ist das passiert?“

„Er behauptet, Reste einer früheren Färbung seien Schuld daran. Irgendeine chemische Reaktion.“

Unaufgefordert bereitete Hilde einen Mojito und schob ihn Mandy rüber. Harte Zeiten erforderten harte Drinks.

„Wie soll ich so arbeiten? Die Freier machen einen Bogen um mich.“

Mandys Haare sahen nicht nur fehlfarben aus sondern auch stumpf.

„Wie wäre es mit einer Kurzhaarfrisur? Kann auch schick sein. Hat diese Detektivin Sandy neuerdings.“

„Und dann eine Perücke? Darunter schwitze ich wie bescheuert. Männer wollen lange Haare sehen.“ Mandy kratzte sich am Kopf. „Außerdem weiß ich, warum Sandy jetzt raspelkurze Haare hat. Rate mal.“

„Sie war bei Kai-Herbert und der hat ihre Frisur versaut?“

Mandy nickte. „Exakt.“

Hilde dachte angestrengt nach. Kai-Herbert hatte offenbar nicht die geringste Ahnung von seinem Beruf. „Wie wäre es, wenn wir den Friseur zu einer Fortbildung schicken?“

„Dem willst Du auch noch Geld hinterherwerfen?“

„Es dauert, bis Toni wiederkommt.“ Die beiden Turteltäubchen hatten was von „ein paar Monate Auszeit“ gesagt, bevor sie nach Ibiza gejettet waren. Hilde nahm das Sparschwein mit den Trinkgeldern, stellte es auf den Kopf, entfernte den Plastikverschluss an seinem Bauch und schüttete Münzen auf den Tresen. Viele Münzen.

Mandy machte große Augen.

Gemeinsam ordneten sie die Geldstücke nach ihrem Wert. Es waren erstaunlich viele Ein- und Zweieuromünzen dabei. Hilde überschlug im Kopf die Summe: „An die dreihundert Euro, das sollte reichen.“

„Wenn du meinst.“ Mandy schien nicht überzeugt von der Idee. „Ich muss jetzt arbeiten.“ Sie kippte den Rest des Mojitos runter.

Hilde hielt eine Plastiktüte an den Rand des Tresens und schob die Geldstücke mit einer Handbewegung hinein. Die Tüte wurde ganz schön schwer.

Die Wirtin hängte das Schild „Bin gleich zurück“ an die Tür und ging zum Friseurladen in der Nebenstraße.

Kai-Herbert reagierte empört, als sie ihm ihr Angebot unterbreitete. „Wenn die Nutte ihre Haare jede Woche umfärbt, kommt sowas bei raus. Kann ich doch nichts dafür.“

Hilde hasste diesen selbstgerechten Ton. Was konnte Mandy dafür, dass sie auf der Straße gelandet war. Sie schwang drohend die Tüte mit den Münzen und trat auf den Friseur zu. „Nenn Mandy nicht noch mal eine Nutte!“

Seine Augen weiteten sich, er wich einen Schritt zurück. „Ich war der beste Haardesigner in Oer-Erkenschwick. Wäre ich doch dort geblieben, statt nach Frankfurt zu ziehen. Arrogante Bande! Ihr habt keine Ahnung vom Friseurhandwerk.“

Jetzt beleidigte er auch noch ihr geliebtes Frankfurt. Hilde drang weiter auf ihn ein, stolperte und fiel auf den Friseur, der nicht schnell genug zurücktreten konnte. Die Tüte mit den Münzen traf ihn in den Magen. Er machte einen Laut, der wie „umpf“ klang.

Hilde lag hilflos auf dem Boden und strampelte mit den Beinen.

Der Friseur wand sich unter ihr hervor, griff sich die Tüte mit dem Geld und strebte zur Tür.

Wollte er mit ihrem Trinkgeld verschwinden?

Hilde rappelte sich auf, schnappte sich einen Föhn, der in einer Plastikhalterung steckte, und warf ihn nach Kai-Herbert.

Der Mann fiel um wie ein gefällter Baum.

Hilde wickelte das Kabel des Föhns um seinen Hals und zog zu. „Arrogante Frankfurter. Geht’s noch?“ Wutentbrannt zerrte sie an dem Kabel.

Es bimmelte. Die Tür ging auf.

Hilde zuckte zusammen. Sie blickte auf. „Was machst du denn hier?!“

„Das könnte ich dich fragen.“ Toni lehnte sich lässig an den Türrahmen.

Beide blickten auf Kai-Herberts lila-rotes Gesicht. Sein Mund stand halb offen und die Zunge hing heraus, bläulich verfärbt.

„Ich rette den guten Ruf deines Geschäfts. Wie konntest du ihm deinen Salon überlassen!“

„Und jetzt?“

„Wieso bist du überhaupt hier?“ Hilfe konnte unter Stress nicht klar denken. Toni sollte doch eigentlich mit seinem Lover auf einem Schiff im Mittelmeer abhängen.

„Lange Geschichte.“ Der Friseur machte eine wegwerfende Handbewegung. „Die so genannte Yacht war ein wurmzerfressenes Fischerboot. Winzige Kajüte. Ricardo hat sich Hals über Kopf in den Besitzer einer echten Yacht verliebt und mich verlassen.“

Hilde fiel Toni um den Hals. „Das tut mir leid.“

„Schon gut.“ Er befreite sich vorsichtig aus ihrer Umarmung. „Was machen wir jetzt mit dem?“ Er nickte in Richtung von Kai-Herberts Körper, der leicht verrenkt da lag und das Ambiente von Tonis Friseursalon deutlich beeinträchtigte.

„Vergraben? Im Main versenken?“ Hilde stammelte vor sich hin. „Im Wald abladen?“

„Du bist ja völlig durcheinander. Überlass das mal mir.“ Toni wandte sich um, schloss die Tür ab und zog den Vorhang vor, der im Winter als Windfang diente. Er betrachtete den Körper Kai-Herberts. „Ein Bad in Natronlauge? Wir Friseure haben schließlich Ahnung von Chemie.“

***