Kurzkrimi von Katja Kleiber – exklusiv für Empfänger des Newsletters

Ella runzelte die Stirn. Eine Quittung über Gartenarbeiten und den Kauf von 50 Waschbetonsteinen. Sie hatte die kleine Grünanlage rund um das Unternehmen abgeschritten, nirgends war eine Terrasse oder ein Weg neu angelegt worden.

Sie wandte sich dem Geschäftsführer zu, einem rundlichen Mann in den 50ern. „Señor Pfaffeneder, ich kann diese Rechnung nicht zuordnen. Worum handelt es sich dabei?“ Sie zeigte ihm den Ausdruck.

„Ach, die Sache mit der Terrasse.“ Pfaffeneder wischte sich über die Stirn. „Die wollten wir anlegen, damit wir in der Mittagspause draußen sitzen können, aber …“

Draußen herrschten 40 Grad, kein Mensch setzte sich freiwillig mittags raus. Wie Ella beobachtet hatte, besuchten die meisten Mitarbeiter ein Schnellrestaurant im Industriegebiet, das beachtliche drei Gänge zu einem bescheidenen Preis bot. Dazu wurde Rotwein gereicht, und nicht zu knapp. Leider gab es keine vegetarischen Gerichte, so dass Ella ihr Mittagessen aus der Tupperdose löffelte.

„Ja, was war mit der Terrasse?“

„Die Steine wurden geklaut, direkt hier vor der Tür. Dann sind wir nicht mehr dazu gekommen und haben den Plan verschoben.“ Wieder wischte er sich über die Stirn.

Schwitzte Pfaffeneder? Dazu gab es keinen Grund. Die Klimaanlage kühlte das Büro auf arktische Temperaturen. 50 geklaute Terrassenfliesen – ihr waren bei Betriebsprüfungen schon seltsamere Dinge erzählt worden. Sie hatte sich gefreut, als ihr Chef sie zu dem Einsatz nach Barcelona abgeordnet hatte, aber jetzt war sie sich nicht mehr sicher, ob sie es gut getroffen hatte. Die Buchhaltung dieser Firma war ein einziges Chaos. Der behäbige Buchhalter und diese deutsche Sekretärin hatten die Sache offenbar nicht im Griff.

Außenstände waren monatelang nicht eingetrieben worden. „Mit den Basken arbeiten wir seit 30 Jahren, die zahlen schon, sobald sie wieder flüssig sind“, hatte Juan, der Buchhalter, die Untätigkeit begründet. Quittungen waren falschen Akten zugeordnet worden. Und dann das. 50 Waschbetonsteine, die angeblich geklaut worden waren. Die wogen doch einiges, da musste jemand mit einem Transporter vorfahren, um sie zu holen. Andererseits, nachts in einem Industriegebiet … die meisten Unternehmen hatten keinen Wachschutz, allenfalls wurden ein paar scharfe Hunde auf dem Gelände gehalten, das musste genügen.

„Und hier“, sie zückte die nächste Quittung, die aus dem Rahmen fiel. „120 Flaschen Cava, wofür wurden die benötigt?“ Der katalanische Champagner durfte nicht Champagner genannt werden, weil er nicht aus der Champagne stammte, die Methode der Herstellung war aber gleich, die Qualität ebenso hoch. 120 Flaschen zu je 70 Euro – das ergab schon eine beträchtliche Summe. Kein Wunder, dass das Stammwerk in Deutschland ihre Unternehmensberatung gebeten hatte, bei der Tochter in Barcelona einmal nach dem Rechten zu sehen.

Sie auf einige Nachmittage am Strand gehofft. Doch wie immer zogen sich die Arbeitstage, unter zehn Stunden war sie nie im Einsatz. Danach schaffte sie es gerade noch, durch den chaotischen Verkehr in ihr Hotel zurück zu kehren und Abend zu essen, bevor sie ins Bett fiel. Die ständige Hitze ging ihr auf die Nerven. Dieser Himmel – immer blau, kein einziges Lüftchen, keine Wolke. Sie dachte an ihren letzten Urlaub zurück, den sie in der Eifel verbracht hatte. Stundenlang hatte sie Wolkentürme betrachtet, beobachtet, wie die Wolkenriesen über den Himmel trieben. Manchmal hatte es genieselt, aber die Ruhe war unvergleichlich gewesen. Wenn sie in Rente ging, würde sie in die Eifel ziehen, nahm sich Ella vor. Bis dahin aber war es noch lange hin.

„Der Cava war im Angebot“, erklärte Pfaffeneder. „Hervorragende Qualität. Ein Schnäppchen. Wir werden ihn zu Weihnachten als Kundenpräsent verschenken. Hier bekommt jeder Kunde zu Weihnachten eine Cesta, einen Korb voller Delikatessen. Der Brauch geht zurück …“

Sie unterbrach ihn. „Wo ist der Cava jetzt?“

Pfaffeneder starrte sie an. Vielmehr blickte er in ihre Richtung, aber nicht in ihre Augen. Sein Blick lag weiter unten, auf ihren Brüsten. Der neue BH hob sie etwas mehr hervor als üblich.

Ella nahm sich vor, morgen ein Sportmodell anzuziehen.

„Er lagert unten in der Produktion.“

„Das würde ich mir gerne anschauen.“

„Señora Carmen führt Sie runter.“ Pfaffeneder wandte sich brüsk seinem Laptop zu.

Señora Carmen, eine ältliche Dame, die eine Art Mädchen für alles zu sein schien, lotste sie an den Maschinen vorbei in ein Lager, in dem dicke Rollen mit den verschiedenen Materialien für Transportbänder gestapelt waren. „Hier ist der Cava.“ Sie zeigte auf einige Holzkisten in einer Ecke.

Ella zählte. „Elf, zwölf.“ Zwölf Kisten mit je sechs Flaschen, das ergab 72 Flaschen.  „Wo sind die übrigen Flaschen? Laut Rechnung müssten es 120 sein.“

Señora Carmen, Bluse, Bleistiftrock, Pumps – alles in zartem Rosa – trippelte aufgeregt herum. „Hier ist zu wenig Platz. Die restlichen Kisten hat Señor Pfaffeneder zuhause in seinem Keller gelagert.“ Sie blickte auf ihre rosa lackierten Fingernägel. „Weihnachten bringt er sie wieder mit, wenn wir die Körbe füllen.“

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